Staatsschutz
14. Juli 2026
Im Film „Staatschutz“ von 2026 geht es darum, Gerechtigkeit in einem System zu erkämpfen, dass rechte Gewalt verharmlost oder sogar deckt. Dass es Rassismus in den Behörden gibt, ist kein Geheimnis und wurde jüngst durch die INRA-Studie im Auftrag des Innenministeriums bestätigt (s. antifa Mai/Juni 2026). Dass auch eine Staatsanwaltschaft davon betroffen sein kann, finden wir in diesem Film erschreckend bestätigt. Die Verharmlosung oder sogar Ignoranz rechter Gewalt ist ein Problem, das erst durch spektakuläre Vorfälle wie den Anschlag von Hanau, den Tod von Oury Yalloh und rechte Chatgruppen in Polizeikreisen prominent an die Öffentlichkeit gelangt ist.
Um einen fiktiven Fall auf diesem Gebiet geht es im Film „Staatschutz“. Nach dem Buch von Claudia Schäfer unter der Regie von Faraz Shariat brilliert die 26-Jährige Chen Emilie Yan als Staatsanwältin Seyo Kim neben Julia Jentsch als engagierte Anwältin und die Behördenmitarbeiterin Ayten Alica, gespielt von Alev Irmak. Bisher stand die Hauptdarstellerin Chen nur auf Theaterbühnen von Ingolstadt bis Berlin. Die Handlung spielt in Ostdeutschland, wo die junge Staatsanwältin Seyo Kim in der angeblich „objektivsten Behörde“ tätig ist und sich auf einem vielversprechenden Karrierepfad befindet. Eine der vielen migrantischen Biografien in Deutschland, die es trotz rassistischer Erfahrungen und Widerstände geschafft haben, einen erfolgreichen beruflichen Aufstieg zu erreichen. In Ihren Prozessen muss sich die junge Staatsanwältin auch mit rassistischen Verbrechen beschäftigen und dabei auch vorurteilsfrei die Rechte der Angeklagten wahren und respektieren. Bis sie selbst Opfer eines rassistischen Überfalls nach einer Verhandlung wird. Sie wird auf ihrem Fahrrad in einem Park unter einer Brücke durch ein anderes Fahrrad zu Fall gebracht und von oben mit zwei Molotow-Cocktails beworfen. Ihre Jacke brennt und am Hals hat sie Brandwunden. Professionell verständigt sie die Polizei und sorgt selbst für eine Sicherung des Tatortes.
Doch in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft steht nur, dass eine junge Frau im Park mit ihrem Fahrrad verunglückt sei. Der Fall wird ihrem Chef übertragen, der als Oberstaatsanwalt aber kaum Fortschritte bei der Aufklärung aufweisen kann. Die betroffene Staatsanwältin darf nicht in der Sache ermitteln, entscheidet sich aber, heimlich weiter zu recherchieren. Sie schafft es, mit Hilfe einer engagierten Anwältin von Opfern rechter Gewalt und einer mutigen Behördenmitarbeiterin, Unterlagen zu besorgen, die den Bezug zu weiteren nicht aufgeklärten rassistischen Taten herstellen. Der zuständige Oberstaatsanwalt Quant, der der jungen Staatsanwältin bei ihren Ermittlungen zu rassistischen Anschlägen bereits regelmäßig Steine „von oben“ in den Weg gelehnt hatte, gerät im Prozess um den Anschlag auf die Staatsanwältin selbst ins Visier des Gerichtes. Das dies geschieht, ist nur der jungen Staatsanwältin zu verdanken, die gegen Regeln verstößt, mutig ihre Kariere aufs Spiel setzt und unerschrocken weiter ermittelt. Während des Gerichtprozesses erlebt Seyo am eigenen Leib, was es bedeutet, in einem Staat für Gerechtigkeit zu kämpfen, der mit zweierlei Maß misst und rechte Gewalt nicht nur verharmlost, sondern verdeckt.
Ist die Behörde auf dem rechten Auge blind, oder steckt System dahinter? Die Staatsanwältin stößt im Archiv auf zahlreiche Verfahren von rassistischen Überfällen, die eingestellt wurden. Seyo gelingt es im Zusammenspiel mit Helfern, das rechte Netzwerk im Prozess aufzudecken, das der Oberstaatsanwalt in vorherigen Prozessen geschickt gedeckt hatte.
Der als Thriller angelegte Film zeigt ein Problem von strukturellem Rassismus in Behörden. Das Vordringen von rechtem Gedankengut in den Überbau der Gesellschaft ist eine Tatsache, die noch zu wenig benannt und nur inkonsequent verfolgt wird. Wir erinnern uns an das Netzwerk Nordkreuz. Von den beteiligten Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern erhielt letztlich nur einer eine Bewährungsstrafe. Die Beschuldigten hatten tausende Patronen Munition und Leichensäcke für den Tag X gehortet und dafür eine Todesliste geführt.
Staatsanwältin Seyo kauft sich irgendwann einen protzigen amerikanischen Dodge und braust damit über die Dörfer vor die Häuser verdächtiger Täter aus dem Nazi-Netzwerk. Sie wird damit cartoonhaft zur Rächerin im Batmobil in einer fast surrealistischen Verdrehung des uns bekannten Bedrohungsszenarios. Hier sieht man, dass der Regisseur auch mit Humor arbeitet.
Der Film „Staatsschutz“ wurde auf der Berlinale mit dem Publikumspreis als bester Spielfilm ausgezeichnet und erhielt drei weitere Preise auf Festivals. Er läuft ab August in den Kinos. Für den Film hatten die Filmemacher lange an deutschen Gerichten recherchiert. Im Gespräch mit dem Publikum auf dem Schweriner Filmfest im Mai 2026 berichteten die Filmemacher, dass sie während ihrer Vorbereitung auf den Film eine Rückmeldung aus den Gerichten erhalten hatten: das geschilderte Problem komme gar nicht so selten vor.


