Erneut Schändung des Ehren-Friedhofs in Schwerin

geschrieben von Axel Holz

8. Oktober 2024

Auf dem Platz der OdF in Schwerin wurde zwischen dem 2. und 4. Oktober wiederholt der Ehrenfriedhof mit Gräbern sowjetischer Soldaten, von KZ-Häftlingen und Verfolgten des Naziregimes geschändet. Nach Angaben der Friedhofsverwaltung übertrifft der Grad der Verwüstung von 28 Grabstellen das Ausmaß ähnlicher Fälle in früheren Jahren bei Weitem. SVZ und Nordkurier haben über die Friedhofsschändung berichtet. Der Nordkurier hatte formuliert, dass ein politisches Motiv von der Polizei geprüft werden. Dies dürfte nach zahlreichen vergangenen Vorfällen eben nur auf diesem Friedhof in Schwerin auf der Hand liegen. Die VVN-BdA Mecklenburg-Vorpommern hatte in einer Pressemitteilung bereits vor wenigen Wochen über den massiven Anstieg rechtsextremer Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Die erneute Friedhofsschändung gegen das Andenken an die Opfer des Faschismus und an die Befreier vom Faschismus reiht sich in diese verheerende Entwicklung ein. Oberbürgermeister Rico Badenschier kommentierte im Nordkurier, wir könnten nicht zulassen, dass das Andenken an die Opfer des Faschismus zerstört und beschmutzt werde. Der materielle Schaden belaufe sich auf 15.000 bis 20.000 Eure, informierte Stadtsprecherin Michaela Christen. Selbstverständlich würden die Grabzeichen durch die Stadt repariert und wieder aufgestellt werden.

Rostock: Gedenken für die Opfer des Faschismus am 8. September

geschrieben von Axel Holz

4. September 2024

Die VVN-BdA Rostock lädt am 8. September 2024 um 14 Uhr zum Gedenken an die Opfer des Faschismus in den Rostocker Rosengarten ein. Die Gedenkrede hält Fabian Scheller vom DGB.

Stolpersteinverlegung für Zeugin Jehovas am 25. September in Schwerin

geschrieben von Axel Holz

4. September 2024

Am 25. September 2024 wird gegen 15 Uhr in der Heinrich-Mann-Straße 6 ein Stolperstein für die Zeugin Jehovas Emma Tiesel verlegt. Die Gedenkstunde findet um 17 Uhr am Südufer des Pfaffenteichs statt.

In einer Begleitveranstaltung wird Falk Bersch am 10. September 2024 um 18 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus einen Vortrag dazu halten: „Von Sachsenhausen nach Schwerin: Jehovas Zeugen und der Todesmarsch“. Interessierte sind herzlich eingeladen.

Architekt des Holocaust

geschrieben von Axel Holz

24. Juli 2024

Als Banalität des Bösen charakterisierte Hannah Arendt als Reporterin beim Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961 den Tätertyp Adolf Eichmanns. Dieser habe bei der „Endlösung der Judenfrage“ eine geringere Rolle gespielt, als die Anklage unterstellte. Die Artikelserie erschien 1963 zunächst im New Yorker, im selben Jahr als Buch in den USA und 1964 auch in deutscher Sprache. Manche sehen in der Formulierung eine Phrase, andere eine Chiffre und ein Resümee des Buches, die nur im letzten Satz des Berichtes vorkommt und erst nachträglich in den Titel und das Vorwort des Buches aufgenommen wurde.

Worum geht es im Prozess und worum nicht?

Der SS-Obersturmführer und Leiter des Judenreferats beim Reichssicherheitshauptamt, Adolf Eichmann, war nach dem Krieg nach Argentinien geflohen, lebte dort unter dem Namen Ricardo Klement und tauschte sich in Argentinien weiter mit Nazis aus, wie Tonbandprotokolle von Gesprächen mit  dem niederländischen SS-Mann Willem Sessen belegen. Der israelische Geheimdienst hatte den Staatenlosen nach Hinweisen in Argentinien aufgespürt, 1960 festgenommen und nach Israel gebracht. Dort wurde Eichmann vom März bis Dezember 1961 der Prozess gemacht. Der Prozess endete mit einem Todesurteil, das im Juni 1962 vollstreckt wurde. Eichmann galt als Architekt des Holocausts. Hunderte Zeugen erschienen zum Prozess, der weltweit Aufmerksamkeit erzeugte und nicht ohne Grund auch Bonner Politiker in Unruhe versetzte. Denn anders als die Israelis befürchteten, kooperierte Eichmann umfangreich und konnte auch einflussreiche deutsche Politiker mit deren Nazivergangenheit belasten.

Im Prozess ging es um die strafrechtliche Verantwortung Eichmanns am Mord an bis zu sechs Millionen europäischen Juden, deren Deportation Eichmann maßgeblich vom Schreibtisch aber auch vor Ort organisiert hatte. Es ging nicht um die Geschichte der Naziherrschaft oder gar um die Geschichte des Antisemitismus, obwohl beides eine wichtige Rolle im Prozess spielte. Hannah Arendt hatte die umfangreiche Analyse des Holocaust in der Darstellung von Raul Hilberg (s. antifa 11/12-2023) in ihren Bericht aufgenommen, war aber zu anderen Schlussfolgerungen gekommen. Sie erkannte in Eichmann nicht das Monster, das das Gericht entlarven wollte. Es gelang dem Gericht nicht, Eichmann auch nur einen direkten Mord nachzuweisen. Eine Zeugenaussage, wonach Eichmann einen Jungen in Auschwitz geschlagen haben sollte, erwies sich als falsch, weil er zu diesem Zeitpunkt woanders war.

Der Unwille, sich vorzustellen, was mit dem anderen ist

Die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt erkannte in Eichmann einen neuen Tätertyp, der bisher kaum im Fokus war. Eichmann war der Technokrat und Organisator, für den Gehorsam und sein eigenes Fortkommen die einzigen Motive seines Handelns waren. Eichmann war austuschbar und das Beunruhigende sah Hannah Ahrendt darin, dass er wie viele erschreckend normal war. Es war seine schiere Gedankenlosigkeit und Realitätsferne, die mehr Unheil anrichten könne als alle dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammen, kommentierte Arendt. Darin liege der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität, analysiert die Publizistin. Adolf Eichmann war nicht in der Lage sich vorzustellen, was mit anderen ist. Eichmann wusste vom Ziel der Ermordung der Juden, was er auf der Wannsee-Konferenz protokollierte. Er zog sich im Prozess aber auf seinen spezifischen Verantwortungsbereich, auf Gehorsam zurück und lehnte die Teilhabe an der Gesamtverantwortung ab. Das Argument des Gehorsams lässt Arendt nicht gelten, denn im politischen Bereich der Erwachsenen sei Gehorsam nur ein anderes Wort für Zustimmung und Unterstützung.

Die Kritik an Arendt

Hannah Arendts Analyse stieß zunächst auf großes Unverständnis. Der Council of Jews from Germany sprach schon eine Woche nach der Veröffentlichung von einem verfälschten Geschichtsbild bei Arendt, insbesondere wegen deren Kritik an einer Teilverantwortung der Judenräte in deren Zwangssituation für den Tod vieler Juden.  Kritik fand auch ihr ironischer Schreibstil. Wissenschaftler und Richter im Nürnberger Prozess behaupteten, Arendt schenke Eichmanns Prahlerei Glauben und nehme ihn in Schutz. Sie spiele den Deutschen bei der Gewissenserleichterung zu, kritisierten andere. Historiker sprachen ihr die fachliche und sachliche Kompetenz ab. In einer Neuausgabe von „Eichmann in Jerusalem“ erschien das Buch 1986 mit einem längeren Vorwort von Hans Mommsen. Er war Vertreter der funktionalistischen Interpretation des NS-Herrschaftssystems. Dieses könne nicht als Befehlshierarchie beschrieben werden, sondern müsse als kumulative Radikalisierung hin zur „Endlösung“ verstanden werden, wobei Ressorts und Instanzen bei der Umsetzung gegenseitig miteinander konkurrierten. Mommsen stellt dabei überrascht fest, dass die Kernannahme von Arendt durch die historische Forschung bestätigt wurde.

Aktualität der Analyse

Das größte begangene Böse sei das Böse, das von niemandem  getan werde, also von menschlichen Wesen, die sich weigern, eine Person zu sein, so Arendt. Dem zu Grunde liegen die fehlende Bereitschaft und das fehlende Vermögen, sich in andere und deren Situation hineinzuversetzen. Davon ist bis heute in der Migrationsdebatte viel übrig geblieben.

Quelle: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen, Erweiterte Neuausgabe des Piperverlags, München 2022

Wahlen mit Signalwirkung

geschrieben von Ulrich Schneider

17. Juli 2024

Anfang Juli 2024 fanden Wahlen zu den nationalen Parlamenten in Großbritannien und Frankreich statt. Im Falle Großbritanniens erlebten die konservativen Tories eine krachende Niederlage, während Labour zum ersten Mal seit über 10 Jahren mit einer absoluten Mehrheit regieren kann. In Frankreich wurde das Bündnis Nouveau Front Populaire (NFP) stärkste Kraft in Parlament, auch wenn es die absolute Mehrheit verpasste. Beide Wahlen haben durchaus Signalwirkung, wenngleich die Resultate auch dem Mehrheitswahlsystem in beiden Ländern geschuldet sind.
Das britische Mehrheitswahlrecht drückt nur eingeschränkt die tatsächliche politische Stimmung im Land aus, wie ein Vergleich der prozentualen Wahlergebnisse von 2024 zeigt. Labour gewinnt 1,4% und erreicht mit 33,8% allein 411 Mandate, während die Tories fast 20% verlieren, auf 23,7% abstürzen und nur noch über 120 Mandate verfügen. Diese Stimmen der Tories gehen in großer Zahl zu Nigel Farage mit seiner „Reform UK“, die 12,3% gewinnt und mit 14,3% drittstärkste Kraft jedoch nur fünf Mandaten erhält. Die Liberalen gewinnen 0,7% und erreichen bei gut 12% 71 Mandate, während sich die Grünen bei 6,8% über vier Mandate freuen konnten. Abgestürzt ist die schottische Unabhängigkeitspartei, deren 2,4% nur zu neun Mandaten reichten. Sinn Fein und die walisische Partei konnten ihre Positionen jedoch halten.
Auch in Frankreich verschiebt das Mehrheitswahlrecht die Stimmungslage im Land. Nachdem es im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen noch nach einem „Durchmarsch“ des RN – in einer Koalition mit der Zemmour-Partei – aussah (siehe Newsletter 2024-27), ergab sich durch die gesellschaftliche Mobilisierung und teilweise eingehaltenen Absprachen zwischen der Macron Partei „Ensemble“ mit dem NFP  tatsächlich eine neue Konstellation. Wichtig war, dass auch bei diesem Wahlgang die Wahlbeteiligung hoch lag. NFP erreichte als stärkste Kraft 182 Mandate. Das ist zwar weit von der absoluten Mehrheit (289 Sitze) entfernt, ist aber als politisches Gewicht nicht zu übersehen. Zusätzlich wurden etwa 10 unabhängige linke Kandidat*innen gewählt, so dass knapp 200 Stimmen für die Gruppe der NFP gerechnet werden können.  
Die Macron-Partei erreichte nach dem Desaster der ersten Wahlrunde (21% Wählerstimmen) noch den zweiten Platz mit 168 Mandaten. Ob jedoch die 45 Mandate der konservativen Les Républicans als Koalitionspartner im Parlament angesehen werden können, ist fraglich. Deren Spitzenkräfte orientieren sich eher auf den RN, der mit 143 Mandaten deutlich hinter seinen eigenen Erwartungen und den politischen Prognosen zurückblieb.
Wenn man jedoch die absoluten Zahlen dieser Wahl betrachtet, dann wird deutlich, dass es keinen Grund für Antifaschisten geben kann, sich beruhigt zurückzulehnen. Auch im zweiten Wahlgang blieb der RN in absoluten Zahlen die stärkste politische Kraft.
Die Haltung von Präsident Macron, mit der Ablehnung des Rücktritts von Premierminister Attal „auf Zeit zu spielen“, kann keine erfolgreiche Strategie gegen den Vormarsch der extremen Rechten sein. Marine Le Pen hat sich bereits am Wahlabend in Stellung gebracht für die kommenden Präsidentschaftswahl, bei der sie hofft, nicht nur erneut in die Stichwahl zu kommen, sondern diesmal tatsächlich an die Spitze der Macht.
Die politischen Konsequenzen in beiden Ländern sind ähnlich. Die Menschen, die sich an der Wahl beteiligt haben, haben große Erwartungen in eine politische Neuausrichtung. Die zentrale Losung in Großbritannien lautete „Change“, selbst wenn Labour nur 1,4% gewinnen konnte. Doch jeder, der Labour gewählt hat, erwartet ein deutlich verbessertes Gesundheitswesen, Fortschritte in der öffentlichen Daseinsvorsorge und eine Rücknahme der rassistischen Ausweisungspolitik der Tories. Die Tatsache, dass Jeremy Corbin als Unabhängiger direkt in das Unterhaus gewählt wurde, zeigt, dass es in der Gesellschaft Stimmungen für einen progressiven Aufbruch gibt. Dafür müsste Labour jedoch ihre eigene Programmatik schärfen und Einschnitte in die ökonomischen Machtverhältnisse in Großbritannien vornehmen, weil anderenfalls die finanziellen Mittel für die staatlichen Aufgaben nicht vorhanden wären. Das politische Problem des Rassismus bleibt auf der Tagesordnung. Zwar haben die Tories ihre Mandate verloren, aber zu Gunsten von Nigel Farage, der nach der Brexit-Propaganda nun die rassistische Karte gegen die Migranten spielt. Selbst wenn Farage nur fünf Mandate erreichte, sein politischer Einfluss ist ungefähr so stark wie der der AfD in Deutschland.
Auch in Frankreich wird es darauf ankommen, wie stabil sich das Bündnis der NFP innerhalb des Parlamentes erweist. Erfolgreich war das Bündnis in der Abwehr des Vormarsches der extremen Rechten des RN. Nun geht es darum, Forderungen der Menschen, z.B. nach Rücknahme der Rentenregelung und anderer sozialer Grausamkeiten, durchzusetzen. Dies kann nur gelingen, wenn neben dem Wahlerfolg eine gesellschaftliche Mobilisierung den Druck auf das Parlament verstärkt. Die antifaschistischen Kräfte stehen also weiterhin vor großen Aufgaben.

Ankündigung: Gedenkfahrradtour vom 12. bis 15. September von Barth nach Anklam

24. April 2024

Gefördert durch die Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern

Wir laden zur Fahrradgedenktour der VVN vom 12.-15.09.2024 von Barth nach Anklam ein. Bitte meldet euch bei Interesse bis zum 1. Juli 2024 an. Kostenfreie Stornierungen sind bis zum 11. August möglich.

Die Zahl der Teilnehmenden mit Übernachtung/Frühstück ist auf 18 Personen begrenzt. Es ist auch möglich, nur eine oder mehrere Teilstrecken mitzufahren.

Wir beginnen am Donnerstag diesmal um 12.30 Uhr am Bahnhof in Barth und besuchen dort verschieden Gedenkorte, eine Ausstellung im Stadthaus und schauen uns dort einen Film an. Die erste Etappe mit dem Fahrrad radeln wir erst am Folgetag. Wir besuchen die Initiative „Demmin nazifrei“ in Demmin, den Gedenkort Alt Rehse mit der ehemaligen Ärzteführerschule und das Friedenszentrum in Anklam am Standort des ehemaligen Wehrmachtsgefängnisses. Gegen 15 Uhr endet am Sonntag unser Besuch in Anklam. Die Schweriner Teilnehmerinnen können mit dem Begleitbus ab Schwerin/ Hauptbahnhof nach Barth fahren und von Anklam zurück nach Schwerin. Nach Barth und von Anklam gibt es für die übrigen Teilnehmenden regelmäßige Zugverbindungen. Interessenten melden sich bitte über das Kontaktformular der VVN-BdA MV an.

Weitere Informationen können im beiliegenden Flyer entnommen werden.

Ankündigung: Gedenken zum Tag der Befreiung am 8. Mai in Schwerin

geschrieben von Axel Holz

24. April 2024

Wir laden im Namen der Osteuropa Freundschaftsgesellschaft MV e. V., dem Deutsch-Russischen Kulturzentrum KONTAKT e.V., dem Verein für kulturelle Jugendarbeit und Integration Kuljugin e. V. und der VVN-BdA Westmecklenburg-Schwerin herzlich zum Gedenken aus Anlass des Jahrestages der Befreiung vom Faschismus und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa am Mittwoch, dem 08.05.2024 um 17.00 Uhr, auf den Ehrenfriedhof am Platz der OdF ein. Es spricht der Landtagsabgeordnete Henning Förster. Das Ablegen der Gebinde und Blumen zum ehrenden Gedenken an die Opfer von Faschismus und des Zweiten Weltkrieges bildet den Abschluss der Gedenkveranstaltung.

Gedenkmarsch am 1. Mai ab Ribnitz-Damgarten

geschrieben von A. Holz

24. April 2024

Vom November 1943 bis April/Mai 1945 befand sich mit dem KZ Barth als Außenlager des KZ Ravensbrück ein Konzentrations- und Gefangenenlager in der Region, in dem etwa 7.000 Häftlinge Zwangsarbeit für hiesige Rüstungsbetriebe leisten mussten. Insgesamt verloren tausende Zwangsarbeiter und Häftlinge im Konzentrationslager und auf den Todesmärschen in Richtung Rostock zum Kriegsende ihr Leben. Vor 30 Jahren fanden sich engagierte Menschen zusammen, die der Meinung waren, dass man den Marsch der Häftlinge und deren Leiden besser versteht, wenn man den Weg von Barth bis Ribnitz selbst geht. In den letzten dreißig Jahren nahmen so Menschen u.a. aus Schwerin, Rostock, Berlin, Wolgast und aus Dresden den über 30 km langen Weg in Angriff. Heute im Jahr 2024 treffen sich wieder Menschen verschiedenster Altersgruppen und unterschiedlichster politischer Zugehörigkeit und machen sich auf den Weg, um zu unterstreichen: Das Geschehene darf niemals vergessen werden! Unsere und nachfolgende Generationen haben die Pflicht, darüber aufzuklären und zu verhindern, dass sich dieser Teil unserer Geschichte jemals wiederholt!

Wer nicht den gesamten Weg – wie auf dem Plakat beschrieben – gehen kann oder möchte, reiht sich unterwegs ein oder nimmt an der Auftakt- bzw. Abschlussveranstaltung teil. Die gesamte Strecke über wird ein Begleitfahrzeug dabei sein.

Nordkonferenz 2024

geschrieben von Axel Holz

26. März 2024

Anika Taschke von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Die Nordkonferenz 2024 der VVN-BdA war durch zwei Schwerpunkte geprägt – die bevorstehende Europawahl und den Austausch zu Erfahrungen im Umgang mit antifaschistischen Bündnissen. Etwa 25 Gäste aus vier Bundesländern diskutierten am Vormittag über ihre Erwartungen an die Bundestagswahl. Hier standen vor allem Forderungen zur Weiterentwicklung der EU als Erwartungen an die Europawahlkandidaten gestellt. Dazu wurden mehr Demokratie, gleiche soziale Standards, Bürokratie und Abrüstung angeführt. Es wurde aber auch deutlich, dass die Hauptaufgabe in der Erhaltung der EU besteht, die rechte Parteien wie die AfD gern abschaffen wollen. Dann bräuchten wir über deren Weiterentwicklung nicht mehr diskutieren. Der Schutz der EU sei v.a. deswegen so bedeutsam, weil mit dem Vordringen rechter Parteien neben der Untergrabung der EU auch die Wahrscheinlichkeit sinkt, mit Maßnahmen der EU Verletzungen von Menschenrechten in EU-Ländern wirksam zu sanktionieren, wie dies in Ungarn und Polen geschehen war. Als konkrete VVN-Maßnahmen zu  EU-Wahl wurde auf den aktuellen VVN-Flyer verwiesen, auf Ausstellungstermine der Neofaschismusausstellung  im Vorfeld der EU-Wahl in Kiel und Parchim, auf eine antifaschistische Kulturwoche und auf unsere Geschichtskompetenzen als Verband, die helfen können, Geschichtsrevisionismus wirksam entgegenzutreten.

Am Nachmittag führt Anika Taschke von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Umgang mit Bündnissen ein. Sie charakterisierte Bündnisse als lose Zusammenhängen mit zeitlicher Befristung und definierten Zielen, die ausgelotet und klar definiert werden müssten. Es gehe darum für klare Ziele oder gegen etwas gemeinsam zu handeln bzw. sich zu solidarisieren. Die dürften nicht zu eng gesteckt sein, aber auch nicht beliebig werden. Manchmal sei es auch wichtig ein Bündnis zum richtigen Zeitpunkt wieder aufzulösen, wie Thomas Willms in der Diskussion mit Blick auf das unkooperative Bündnis „Dresden nazifrei“ später in der Diskussion erläuterte. In der anschließenden Podiumsdiskussion tauschten Vertreter verschiedener Bündnisse ihre Erfahrungen aus und diskutierten, was sich bewährt hat und aus was man in Zukunft in der Bündnisarbeit besser machen könnte. Darunter waren Jean-Paul Köpsell vom Lübecker Bündnis „Wir können sie stoppen“, Fritz Beise vom Bündnis „Rostock nazifrei“, Bettina Jürgensen vom Kieler „Bündnis gegen Rassismus und Faschismus“ und Thomas Wilms von der Initiative „Aufstehen gegen Rassismus“. Insbesondere zu letzterem wurde viele neue Materialien vorgestellt, mit denen örtliche Initiativen schnell mit aktuellen Materialien gegen rechts aktiv werden können. So waren zum Jahresbeginn unter den Millionen Demonstrierenden gegen rechts neben phantasievollen persönlichen  Botschaften auch bundesweit die Plakate und Flyer von „Aufstehen gegen Rassismus“ zu sehen. Die Stammtischkämpferausbildung der Initiative soll 2024 auf 500 Seminare ausgeweitet werden.

Verdrängung ganz nah

geschrieben von Axel Holz

21. März 2024

Der Film „The Zone of interest“ beschreibt das Familienleben des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß am Rande des Konzentrationslagers

Filme über deutsche Konzentrationslager gehören mittlerweile zu unserem kulturellen und politischen Erbe, um an das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte zu erinnern, den Holocaust. Frank Beyers Defa-Film „Nackt unter Wölfen“ hat im Osten Schülergenerationen begleitet, die Verfilmung von Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ die einzige Oskar-Nominierung eines DEFA-Films ermöglicht und auch Artur Brauners Verfilmung von Eugen Yorks Drama „Morituri“ in Westdeutschland hatte für Aufsehen gesorgt. Alle drei Filme spielen im Konzentrationslager und sprechen zu uns aus der Sicht der Häftlinge.

Ein Film aus Täterperspektive

Jonathan Glazers neuer Film wechselt die Perspektive in Richtung Täter und statt Grauen zu zeigen, macht er es hörbar. Er nimmt einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Deutschen ein und betrachtet die ungeliebte Schwester des Vergessens, die Verdrängung – und dies zugespitzt bis ins Unerträgliche. Die Verfilmung von Martin Amis Roman „Interessengebiete“ betrachtet das Familienleben des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß hinter der Mauer des Konzentrationslagers Auschwitz, zusammen mit dessen Frau Hedwig, fünf Kindern, drei Angestellten und einem Hund. Die Villa ist von einem Garten umgeben, den Hedwig das „Paradies“ nennt und sich selbst „Die Königin von Auschwitz“. Während Hedwig Höß ihre Kinder gelegentlich streng zur Ordnung ruft, Rudolf Höss sie zugleich liebevoll umhegt und abends mit seiner Frau vor dem Schlafen lacht und Belanglosigkeiten austauscht, hört man aus dem KZ ständig Zuggeräusche, Schreie der Wachsoldaten und der Häftlinge, Schüsse und das Bellen von Hunden. Das Ganze wirkt wie eine Blaupause der Banalität des Bösen. Tag und Nacht lodern und donnern die Schornsteine der Krematorien während sich Asche über die Gegend legt, die die Nase regelmäßig verstopft. Der Film deutet die Traumata der Höß-Kinder an, um die sich niemand kümmert. Wenn der Vater seiner Tochter das Märchen von Hänsel und Gretel vorliest und darin die Hexe im Ofen verbrannt wird, stockt dem Zuschauer der Atem. Im Hause Höß wird über Auschwitz und Politik nicht geredet.

Überzeugende Charakterstudien

Hedwig Höß gibt sich als strenge Mutter und fleißige Gärtnerin, deren einzige Interessen der nächste Urlaub, Make up, Treffen mit Freundinnen, Geburtstage und Klamotten sind, die als geraubte Pelzmäntel oder Damenwäsche regelmäßig aus dem Lager ankommen wie Amazon-Pakete heute. Sie weiß über Auschwitz Bescheid und droht einer Zwangs-Angestellten bei Ungehorsam ihrem Mann zu befehlen, deren Asche über die Felder von Babice zu verstreuen. Sie wird von ihrer Mutter bei einem Besuch wegen des großzügigen Hauses bewundert, die aber nach kurzer Zeit überraschend wieder abfährt und wortlos einen Brief hinterlässt, den Hedwig wütend verbrennt. Sie will nicht daran erinnert werden, wie unerträglich das Leben in Auschwitz ist, das sie führt und genießt. Zugleich ist es Hedwig, die ihren Ehemann zur Karriere antreibt und darauf besteht in Auschwitz zu bleiben, während er nach Oranienburg versetzt wird. Rudolf Höß kehrt mit dem Auftrag nach Auschwitz zurück, die Vernichtung von 600.000 ungarischen Juden in die Wege zu leiten. Der Auftrag wird schnell nach ihm Höß-Aktion benannt. Rudolf Höß wird morgens zur Arbeit verabschiedet, auf die er sich auf einem Pferd begibt. Er selbst erscheint eher ruhig und unscheinbar. Der pervers-akribische Technokrat des Staatsterrors wird vom Auschwitzüberlebenden und Friseur des Lagerkommandanten Jozéf Paczynski als „ganz normaler, ehrlicher, ruhiger und schweigsamer Mensch“ beschrieben, „der niemanden schlug“. Höß verfasst in seinem Büro eine Anweisung zum Schutz von Fliederbüschen auf dem KZ-Gelände „im Interesse der Gemeinschaft und zur Ausschmückung des Lagers“. Ab und zu muss er selbst kotzen oder lässt sich Sexsklavinnen im Keller zuführen.

Rudolf Höß wird von Christian Friedel als weicher Charakter gespielt und ähnelt tatsächlich äußerlich seiner gespielten Figur ein wenig. Zusammen mit Sandra Hüller als Ehefrau Hedwig meistern sie ihre schwierigen Rollen in einem nachgebauten Höß-Haus mit versteckten Kameras und lassen ihre Figuren Menschen ähneln, die sie aber nicht erklären.

Ausgezeichneter Film

Der Film des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors Jonathan Glaser, der aus einer jüdischen Familie stammt, hat einen Oskar als bester internationaler Film erhalten und einen zweiten für den dissonanten Sound, der die vorgelogene Harmonie der Höß-Familie im Film konterkariert. Die Scheinwelt der Familie Höß wird nur durch zwei weitere Ebenen durchbrochen, die uns wohl darauf hinweisen sollen, was im Film nicht zu sehen ist und nur als Geisterfilm im Kopf der Zuschauer mitläuft, nämlich an einem Ort der Vernichtung und des Grauens zu sein. In verfremdeten Bildern sehen wir, wie eine Höß-Angestellte unter Lebensgefahr nachts Lebensmittel für KZ-Häftlinge an deren Arbeitsort außerhalb des Lagers versteckt und zum Schluss reale Angestellte der Gedenkstätte Auschwitz beim Saubermachen des Museums. Es ist kein Traum, den der Zuschauer gerade erlebt hat, sondern die Wirklichkeit.  Der Film lässt die Zuschauer nachdenklich und betroffen zurück. Vielleicht mit dem Gedanken, wie sehr Verdrängung angesichts des tausendfachen Mordens vor der Haustür möglich sein kann und vielleicht auch darüber, was wir heute alles verdrängen.

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