Rede zum 81. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus in Schwerin

geschrieben von Axel Holz

8. Mai 2026

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Antifaschisten und Antifaschistinnen,

heute jährt sich zum 81. Mal der Tag der Befreiung vom Faschismus  und des Kriegsendes in Deutschland. Für uns als Antifaschistinnen und Antifaschisten ist dies ein Tag der Dankbarkeit gegenüber den Befreierinnen und Befreiern, ein Tag des Gedenkens an die Opfer von Faschismus, Krieg und Vernichtung. Der Tag der Befreiung ist uns zugleich ein Auftrag – nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg von deutschem Boden.

Wir vergessen die Leistung der Sowjetsoldaten und –soldatinnen nicht, die uns Frieden und einen demokratischen Neuanfang ermöglicht haben. Wir vergessen nicht, dass die Sowjetvölker mit über 27 Millionen Opfern das höchste Maß an Leid und Vernichtung im Kampf gegen den deutschen Faschismus ertragen mussten.

Wir erinnern auch daran, dass selbst über Systemgrenzen hinweg die Alliierten einen gemeinsamen Kampf gegen Nazi-Deutschland organisiert, abgestimmt und umgesetzt haben – politisch, militärisch und wirtschaftlich, der schließlich zur Befreiung Deutschlands und der okkupierten europäischen Staaten und Völker geführt haben.

Unser Gedenken ist auch ein Zeichen gegen neuen Geschichtsrevisionismus, der die Leistungen der Sowjetsoldaten- und soldatinnern in offiziellen und medialen Meldungen zu schmälern oder durch Verschweigen zu ignorieren versucht.

Zu unserem heutigen Gedenken gab es im Vorfeld Bedenken. Wenn soll man dafür einladen und wen nicht? Ich sage es ganz deutlich. Jeder, dem der Tag der Befreiung vom Faschismus wichtig ist und der bereit ist, die Lehren daraus zu ziehen, ist bei unserem Gedenken willkommen. Niemand mit diesen Absichten wird ausgeschlossen.

Nicht willkommen sind allerdings jene, die das Rad der Geschichte gern zurückdrehen wollen, die unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat untergraben wollen – neue Nazis, Rechtspopulisten und sonstige Demokratiefeinde. Denn unsere Demokratie ist erneut in großer Gefahr.  Ich bin deshalb froh, dass vor wenigen Tagen zahlreiche Demokratinnen und Demokraten dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di gefolgt sind, um sich mit einer Demonstration zu Beginn der Landtagsdebatte über eine Verfassungsänderung zum Schutz der Verfassungsorgane ähnlich wie in Sachsen-Anhalt auszusprechen. Es geht darum, dass die Wahl der Verfassungsrichter nicht blockiert werden kann.

Wir wissen heute, dass der Faschismus schleichend kommt und dass er sich bereits wieder auf den Weg gemacht hat. Der Schutz der Verfassungsorgane ist eine der Lehren aus der Befreiung vom Faschismus. Hatte doch die Weimarer Republik den Nazis mit einer unzureichenden Verfassung den friedlichen Übergang in die Diktatur erst ermöglicht.

Es gibt weitere Lehren aus dem Faschismus, die mit dem Tag der Befreiung in enger Verbindung stehen. Erstmals wurden nach dem 2. Weltkrieg Kriegsverbrecher für Ihre Taten international zur Verantwortung  gezogen. Als einer der ersten nicht allierten Kriegsverbrecherprozesse wurde 1948 in Schwerin der Folterer Karl von Ossietzkys in Schwerin verurteilt. Gern können Sie in unserer Broschüre über den VVN-Gründer in Schwerin Kurt Schliwski mehr darüber lesen. Mit einem System kollektiver Sicherheit sollten zukünftige Konflikte friedlich beigelegt werden. Leider ist dieser Weg nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in eine Sackgasse geraten. Wir benötigen wieder ein neues System internationaler Sicherheit, dass den friedlichen Interessen der Staaten gleichberechtigt entgegenkommt und Konflikte auf friedlichem Weg lösen hilft.

Mit dem 8. Mai erinnern wir uns auch an die Potsdamer Beschlüsse der Alliierten Befreier zur:

  • Entnazifizierung
  • Dezentralisierung
  • Demonopolisierung
  • Entmilitarisierung und
  • Demokratisierung Deutschlands

Die Demokratisierung ist über einen längeren Prozess gelungen, die Dezentralisierung mit der Länderbildung umgesetzt worden, aber die Entnazifizierung ist regional sehr unterschiedlich durchgeführt worden. Natürlich konnte man sich nach über mehr als zwölf Jahren Faschisierung der deutschen Gesellschaft keine Illusionen über begeisterte Demokraten machen.

In Ost und West sind ehemalige aktive Nazis in Massen geschickt abgetaucht. Aber die wichtige  Auswechslung der Nazi-Eliten in den staatlichen Institutionen, in Gerichten und an den Schulen ist leider nur in der DDR konsequent umgesetzt worden. So wurde der Demokratisierungsprozess auch im Westen noch lange verzögert, wie maßgebliche Historiker heute bestätigen.

Die Demonopolisierung der Konzerne als Ziel stand sogar im ersten Programm der CDU, wurde aber nie umgesetzt. Wenn man von wenigen Wirtschaftsvertretern absieht, die im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verurteil wurden, haben jene Wirtschaftseliten, die Hitler zur Macht verholfen und am Krieg ordentlich verdient haben, im West munter weiter gewirkt.

Entmilitarisierung wäre auch heute erneut ein Gebot der Stunde, wenn die aktuellen Kriege beendet würden und alle betroffen Seiten diesen Weg mitgingen.  So schlecht sind die Beschlüsse der Alliierten für die Zukunft Deutschlands gar nicht gewesen. Heute würde man sie linksradikal nennen.

Die Lehren aus dem Faschismus dürfen im hier und heute nicht vergessen werden, insbesondere wenn es darum geht, Kriege zu verhindern und zu beenden, die Demokratie zu schützen und die Zivilgesellschaft zu stärken.

Lasst uns gemeinsam gedenken an die Befreiung vom Faschismus und an die Millionen Opfer in der größten kriegerischen Katastrophe der Neuzeit.