Gedenkstein des Widerstandskämpfers Rudolf Mokry in Rostock geschändet

24. Juli 2017

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Am 20.07.2017 erreichte den Vorstand der VVN-BdA Rostock die Nachricht, dass der Gedenkstein für Rudolf Mokry im Barnstorfer Wald geschändet wurde. Offenbar hat das Städtische Grünamt umgehend die beschriftete Seite des Gedenksteins reinigen lassen, doch sind die Spuren der Freveltat noch deutlich sichtbar. So erwarten wir von der Stadtverwaltung, dass für diesen echten Rostocker Helden nach 42 Jahren der Stein nun vollständig gereinigt und die Inschrift erneuert wird. Das muss die Antwort auf die Schandtat sein.

Rudolf Mokry wurde 24. April 1905 als Sohn eines Schmieds und einer Köchin geboren und besuchte die Knabenschule am Alten Markt. Bereits mit 8 Jahren wurde er Mitglied des Arbeiterturnvereins und wechselte mit 14 Jahren zum Athletenverein in die Sparte Ringen.

Seine Ausbildung zum Schmied schloss er mit 16 Jahren mit sehr guten Leistungen ab, auch wenn er diese Arbeit nicht sehr mochte. Dem Aufbau des Arbeitersportstadions (Volksstadion) von 1923 bis 1927 widmete er seine ganze Freizeit.

Danach war er infolge von Arbeitslosigkeit gezwungen, Rostock zu verlassen und fand eine Stelle als Schlosser in Hamburg. In Hamburg-Neuhof wurde er, geschätzt und beliebt, Vorsitzender des Arbeiter-Sportvereins “Fichte“.

1930 trat er der KPD bei, der er allerdings nur zwei Jahre angehörte, da er ihre Haltung zur SPD nicht nachvollziehen konnte, doch blieb er seiner kommunistischen Überzeugung treu. 1933 wurde er das erste Mal verhaftet, trotzdem baute er 1935 eine Hamburger antifaschistische Jugendgruppe auf, die sich “Revolutionärer Jugendverband“ nannte.

Kurt van der Walde schrieb 1991 darüber: … Er hat völlig neu begonnen mit der antifaschistischen Jugendarbeit, indem er nicht mehr erwartet hat, dass Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, Kommunisten werden. Es waren in unserer Gruppe viele Nichtkommunisten, junge Sozialdemokraten, auch junge Juden wie ich selbst… Kurt ,10 Jahre jünger als Rudi, konnte 1938 nach England ausreisen und kehrte nach dem Krieg nach Hamburg zurück. Er wurde Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte. Bis zu seinem Tod 2003 wirkte er aktiv in der VVN-BdA Hamburg.

Rudolf Mokry wurde 1936 verhaftet und verurteilt und kam bis zu seinem Tod nicht mehr frei. In Hamburg erinnert eine Straße in Wilhelmsburg an ihn, ein Stolperstein vor dem Haus “Im Otterhaken 5“ und eine Gedenktafel am Ortsamt Wilhelmsburg.

2014 wurde anlässlich des 70. Jahrestags der Ermordung einer Gruppe von 27 Häftlingen des KZ Sachsenhausen, zu denen Mokry gehörte, es zählten auch drei Franzosen dazu, in der Gedenkstätte Sachsenhausen das Denkmal “Klang der Erinnerung“ eingeweiht, das sich aus 27 Edelstahlstreifen verschiedener Breite und Länge zusammensetzt, die das erreichte Alter und die Dauer der Inhaftierung der Widerstandskämpfer darstellen. Auf jedem Stahlstreifen stehen der Name und das Geburtsdatum des Ermordeten.

Aus den Reden der Töchter der drei ermordeten kommunistischen Résistance-Kämpfer wurde deutlich, dass in Frankreich der Beitrag der Kommunisten für die Beseitigung der faschistischen Unterdrückung in ihrem Land weit mehr gewürdigt wird als in Deutschland, wo die KPD 1956 ganz im Gegensatz zu faschistischen Parteien sogar verboten wurde. An der Einweihung des Denkmals in Sachsenhausen nahm damals auch eine Gruppe von 17 VVN-BdA Mitgliedern aus Rostock teil.

Untergetaucht

geschrieben von Axel Holz

21. Juli 2017

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Eine junge Frau aus einer jüdischen Familie überlebt im Nazi-Berlin und erlebt Verrat und unterschiedlich motivierte Hilfe

Kurz vor ihrem Tod erzählt Marie Jalowitcz Simon ihrem Sohn ihre Lebensgeschichte auf 77 Tonbänder. Die Professorin für antike Literatur und Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität hatte nach der Befreiung Berlins, die sie sehnsüchtig erwartete, nie über ihre Zeit als Untergetauchte und rassisch Verfolgte gesprochen. Sie war einer von über 5.000 Menschen, die in Berlin vor der Deportation flohen, von den Nazis auf Grund ihrer jüdischen Herkunft in die Illegalität getrieben wurde und von denen nur etwa 1.600 Menschen überlebten.

Marie Jalowicz Simon berichtet darüber, was es bedeutet, sich Tag für Tag durch das faschistische Berlin  durchzuschlagen. Dazu braucht die junge Frau, deren Eltern bereits gestorben sind,  sichere Verstecke, Papiere, Lebensmittel und Menschen, die ihr helfen. Mehr als einhundert Menschen tragen dazu bei, an neunzehn verschiedenen Orten vor der Verfolgung durch die Nazis Unterschlupf zu finden. Ihr Überlebenswillen, ihr Mut und ihre Schlagfertigkeit helfen der Verfolgten zu überleben. Vielfach kann sie einer Verhaftung nur knapp entkommen – durch Zufall und einen siebten Sinn für drohende Gefahr. So flieht sie nach monatelanger Zwangsarbeit bei Siemens 1942  in letzter Minute im Unterrock aus ihrer Wohnung an den Gestapo-Häschern vorbei. Ein wildfremder Arbeiter hilft ihr an der Ecke mit einer Windjacke aus. Sie erzählt im Buch von Leiden und Langeweile, von ständiger Angst, von sexuellen Übergriffen auf die Schutzlose und auch über die erstaunliche Hilfsbereitschaft vieler Menschen. So nutzt sie die Identität und Lebensmittekarte von Johanna Koch, die ihr hilft und sie doch armselig, abhängig und leidend sehen möchte. Marie Jalowitcz spielt die alleinstehende Schwester oder Haushalthilfe und wird hier geliebt, dort geduldet und woanders als Halbjüdin beschimpft. Die Motive der Helfer sind sehr unterschiedlich. Nicht wenige nutzen ihre schwierige Lage aus. Ein Rechtsanwalt, der ihr zu Papieren verhilft, verlangt Sex von ihr, ein anderer Helfer bedrängt sie. Aber sie erfährt auch Solidarität und Zuwendung. Sie versucht, mit einem bulgarischen Freund in die Türkei zu fliehen und erhält falsche Papiere vom deutschen Dienststellenleiter für die Fremdarbeiter in Deutschland  Hans Goll in Sofia, um nach dem Scheitern der Flucht unerkannt zurückzukehren. Sie erhält die Gnadenpension für ihren verstorbene Vater durch den Kammergerichtspräsidenten  Heinrich Hölscher aus Hilfsbereitschaft zugebilligt, lebt mit der Artistin Camilla Fiochi zusammen und in der Beziehung mit einem holländischen Zwangsarbeiter.  Sie wird von der Kommunistin Trude Neuke aufgenommen, die wochenlang nach neuen Fluchtorten sucht und findet Unterschlupf bei der kommunistischen Portiersfrau Krause.

Sie trifft viele, die sie nicht denunzieren und andere, die ihr helfen, aber weder Nazigegner noch Antifaschisten sind. Sie trifft auf ihrer Flucht auf eine zwiespältige Mischung aus Gleichgültigkeit und gelegentlicher Hilfsbereitschaft, aus humanem Verhalten und rassistischen Einstellungen. Das zeigt auch, dass unser Bild von dieser Zeit oft zu holzschnittartig ist und die Realität in Wirklichkeit komplizierter ist. Als kluge und gebildete Frau wird die Protagonistin gezwungen, um des Überleben Willens zu einer routinierten Lügnerin und Taktikerin zu werden. Sie checkt die Personen und Situationen in ihrer Umgebung gewissenhaft, geht Abschieden aus dem Weg und meidet Menschaufläufe. Ihr Sohn stellt fest, dass sie aus dieser Rolle noch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht herauskommt und von mehreren Zusammenbrüchen heimgesucht wird.

In einem Brief an einen Schulfreund gibt Marie Jalowitcz 1946 eine Antwort auf die Frage, wie es eigentlich zur Judenverfolgung kommen konnte.  Das, was passiert ist, sei immer und überall möglich, wenn man an die niedrigsten Instinkte des Pöbels appelliere, heißt es in dem Brief. Die biographische Verarbeitung der Erlebnisse von Marie Jalowicz ist spannend und zugleich authentisch. Sie macht die jahrelange Flucht der in Berlin Untergetauchten für den Leser ein wenig begreiflich. Die Autorin schildert die Kunst zu Überleben, mit der auch heute tausende Flüchtlinge immer wieder von neuem konfrontiert werden.

Das Buch „Untergetaucht“ wird mit einem Nachwort des Sohnes von Marie Jalowicz abgeschlossen, dem Historiker und Direktor der Neuen Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. Darin würdigt der Philosoph Gerd Irrlitz in seinem Nachruf den kritischen Blick von Marie Jalowitzc, der ihr auch in der Nazi-Zeit zu überleben half. Für sie selbst war ihr Überleben Zufall. 1993 schrieb sie in einem Vortrag: „Wäre das beherzte Überleben Einzelner Segen oder Fluch, wenn es auf Vorhersehung und Lenkung beruhte, angesichts der Ermordung von einer Million Kindern?“

Der alte Auschwitz-Täter

13. Juli 2017

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Winterjagd: Ein Film über die Nachwirkung faschistischer Verbrechen

Einen Konflikt zur Nazivergangenheit über drei Generationen hinweg hat ein Psychothriller der ZDF-Nachwuchsredaktion »Das kleine Fernsehspiel« zum Gegenstand. Er wurde mit großer Resonanz Anfang Mai auf dem Schweriner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im Herbst 2017 im ZDF zu sehen sein. Nach dem Drehbuch von Daniel Blickermann und Astrid Schult führte die Autorin Astrid Schult selbst Regie, die bereits durch ihren engagierten Film »Colonia Dignidad« über einen chilenischen Ort des Schreckens bekannt wurde.

Der Film kommt mit vier Schauspielern aus, darunter Carolyn Genskow sowie Michael und Elisabeth Degen. Die 25-jährige Lena (Carolyn Genskow) verschafft sich Zutritt zu dem einsam gelegenen Haus des über 90-jährigen Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen). Rossberg ist ein angesehener Unternehmer der Schwerindustrie, die sich nach dem Krieg nicht nur seiner Auschwitztäterschaft entledigen konnte, sondern auch als Industrieller in Spitzengremien Karriere machen konnte. Anselms Tochter (Elisabeth Degen) leugnet nach dem Eindringen von Lena in das einsame Schloss des 90-Jährigen die Anwesenheit ihres Vaters, dessen Auschwitz-Vergangenheit gerade durch die Medien geht, und versucht, die junge Frau abzuwimmeln. In typischer Weise wurde der 90-Jährige gerade in einem Prozess von jeglicher Schuld freigesprochen. Das ist der Grund, warum Lena, die Enkelin einer Auschwitzüberlebenden, Rossberg zur Rechenschaft ziehen will.

Michael Degen und Carolyn Genzkow

Als Lena dann Rossberg im Haus findet, mit einer Waffe bedroht und eine schreckliche Anklage erhebt, stehen alle drei vor einer schwierigen moralischen Entscheidung. Denn im erzwungenen Gespräch mit dem Auschwitztäter zeigt sich nicht nur, dass sich dieser keiner Schuld bewusst ist und jegliche Verantwortung ablehnt, sondern auch, dass sich das Leid der Opfer über die nachfolgenden Generationen fortsetzt. Während Lenas Großmutter über den Freispruch des Täters Rossberg verbittert stirbt, hat sich deren Sohn in der Folge der KZ-Erlebnisse seiner Mutter bereits vor Jahren das Leben genommen.

Für den Zuschauer stellt sich die Frage, ob die Enkelin nach ihren Schießübungen im Wald Rache nehmen will, die Wahrheit erfahren möchte oder ein Schuldgeständnis des Täters erzwingen will. Diese Konstellation erinnert sehr an Jurek Beckers »Bronsteins Kinder«, der als Kind die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte und im Buch selbst Hand an die Täter anlegt.

Der Regisseurin gelingt es überzeugend, die Spannung zwischen den Akteuren zu erhalten und die Motive der Beteiligten schrittweise herauszuarbeiten. Lange bleibt im Dunkeln, ob Anselm Rossberg tatsächlich Täter ist, ob Anselms Tochter ihren Vater im Wissen um dessen Verbrechen schützt oder selbst von dessen Unschuld überzeugt ist, ob Lena gegen die ungerechte Nazi-Rehabilitation revoltiert oder ob noch mehr dahinter steckt. Davon kann sich der Zuschauer im Film persönlich ein Bild machen. Besonders beindruckend ist, wie das Vater-Tochter-Verhältnis im Film durch Michael Degen und dessen Tochter Elisabeth Degen dargestellt werden. Die grausame persönliche Verstrickung dreier Generationen in Schuld und Last, die bis heute fortwirkt, macht den Film besonders wertvoll. Die Lebenssituation und Abhängigkeitsverhältnisse dreier Genrationen von Tätern und Opfern werden idealtypisch von einer jungen Nachwuchsregisseurin zu einer spannenden Geschichte verwoben. Das ist ein interessanter Ansatz, um mit einer persönlichen Erzählung junge Leute zu den Verbrechen des deutschen Faschismus anzusprechen, die von diesem Geschehen mittlerweile Generationen entfernt sind. Der Film ist ein gelungenes künstlerisches Werk, um die moralischen Dimensionen von Schuld und Verantwortung über die faschistischen Verbrechen und den notwendigen Umgang damit auf moderne Weise zu vermitteln.

Er hat für das Schweriner Filmfest aber noch eine besondere Bedeutung, denn parallel zur Filmpräsentation stockt in Neubrandenburg seit Monaten ein Prozess gegen einen Auschwitz-Täter, der wie im Film angeblich nur ein Schreibtischtäter war. Es bleibt zu hoffen, dass die Wende in der juristischen Bewertung der persönlichen Schuld von Nazi-Tätern, wie sie nach dem Demjanjuk-Prozess eingesetzt hat, auch in Neubrandenburg ankommen wird.

Ausstellungseröffnung zum Tag des offenen Landtages

26. Juni 2017

Zum Tag des offenen Landtages am 18. Juni 2017 wurde die gemeinsame Wanderausstellung der VVN-BdA und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand  „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen“ im Rahmen einer Wanderausstellung zum zehnten Mal Mecklenburg-Vorpommern eröffnet. Zehntausende waren zum Tag des offenen Landtages in das Schloss gekommen und viele davon hatten auch die Ausstellung gesehen. Die Ausstellung eröffnete der Vorsitzende der VVN-BdA Axel Holz. Mit dabei waren  in einer Podiumsdiskussion zur Ausstellung die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag Mecklenburg-Vorpommern Simone Oldenburg und der Koordiantor der Ausstellung Gerhard Fischer, der schon durch seine Ausstellung „Landwirte im Widerstand“ vielen Interessierten bekannt ist. Im Podium sprachen auch zwei Zeitzeugen und ehemalige Mitglieder des Nationalkommitees Freies Deutschland – Anton Steinhübel aus der Nähe von Schwerin und Dr. Schult aus Wismar. Neben dieser Organisation aus gefangenen deutschen Soldaten, Offizieren und Generälen wurden auch andere Bewegungen gegen Hitler in Griechenland, Mexiko, Frankreich, den USA, Großbritannien, Schweden und der Schweiz vorgestellt.

Ehrung für Liselotte Herrmann in Güstrow

geschrieben von Axel Holz

26. Juni 2017

Am 21. Juni ehrten Güstrower Bürger die am 20. Juni 1938 hingerichtete junge Mutter, Antifaschistin und Kommunistin Liselotte Herrmann. Die Ehrung fand, wie bereits in den Vorjahren,  am Ehrenmal für Liselotte Herrmann an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow statt. Die Teilnehmer kritisierten den desolaten Zustand des Denkmals und forderten Innenminister Lorenz Caffier dazu brieflich auf , darauf Einfluss zu nehmen, dass der unwürdige Zustand behoben wird.

Buchlesung in Stralsund: Untergetaucht

geschrieben von Axel Holz

26. Juni 2017

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Am 24. Juni fand in Stralsund eine Buchlesung mit Dr. Hermann Simon statt, dem  langjährigen Diektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin. Gelesen wurde aus seinem Buch „Untergetaucht – Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945.  Die Lesung wurde von der VVN-BdA Stralsund, der Friedrich-Ebert-Stiftung und  Rock gegen rechts Stralsund e.V. veranstaltet.

Die antisemitische Hetze nimmt immer schärfere Formen an, Juden sind unmittelbar von der Deportation bedroht, beschreibt der Autor.. Da entschließt sich Marie Jalowitz, den gelben Stern abzulegen, der sie brandmarkt. Sie kehrt nicht mehr in die Siemens-Werke zurück, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. 50 Jahre später berichtet sie ihrem Sohn über dieses Zeit. Das buch berichtet über die lebensgefährlichen Versuche, Papier und Obdach zu erhalten, über den Verlust vertrauter Bindungen, über Hilfsbereitschaft und kalten Verrat und über die ständige Angst vor Enttarnung.

In Berlin waren insgesamt etwa 6.000 Juden vor der Deportation der Mehrheit der Juden untergetaucht, etwa 1.800 überlebten, auch durch die Hilfe Zehntausender Menschen.

flyer_Untergetaucht_24-06-2017

 

 

Winterjagd

geschrieben von Axel Holz

18. Juni 2017

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170618_Plakat_WinterjagdEinen Konflikt über drei Generationen hinweg zur Nazivergangenheit hat ein Psychothriller „Winterjagd“ der ZDF-Nachwuchsredaktion „Das kleine Fernsehspiel“ zum Gegenstand. Er wurde mit großem Interesse Anfang Mai auf dem Schweriner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im Herbst 2017 im ZDF zu sehen sein. Nach dem Drehbuch von Daniel Blickermann und Astrid Schult führte die Autorin Astrid Schult selbst Regie, die bereits durch ihren engagierten Film „Colonia Dignidad“ über einen chilenischen Ort des Schreckens bekannt wurde. Der Film kommt mit vier Schauspielern aus, darunter Carolyn Genskow sowie Michael und Elisabeth Degen. Die 25-jährige Lena (Carolyn Genskow) verschafft sich Zutritt zu dem einsam gelegenen Haus des über 90-jährigen Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen). Rossberg ist ein angesehener Unternehmer der Schwerindustrie, die sich nach dem Krieg nicht nur seiner Auschwitztäterschaft entledigen konnte, sondern auch als Industrieller in Spitzengremien Karriere machen konnte. Anselms Tochter (Elisabeth Degen) leugnet nach dem Eindringen von Lena in das einsame Schloss des 90-Jährigen die Anwesenheit ihres Vaters, dessen Auschwitz-Vergangenheit gerade durch die Medien geht, und versucht, die junge Frau abzuwimmeln. In typischer Weise wurde der 90-Jährige gerade in einem Prozess von jeglicher Schuld freigesprochen. Das ist der Grund, warum Lena, die Enkelin einer Auschwitzüberlebenden, Rossberg zur Rechenschaft ziehen will. Als Lena dann Rossberg im Haus findet, mit einer Waffe bedroht und eine schreckliche Anklage erhebt, stehen alle drei vor einer schwierigen moralischen Entscheidung. Denn im erzwungenen Gespräch mit dem Auschwitztäter zeigt sich nicht nur, dass sich dieser keiner Schuld bewusst ist und jegliche Verantwortung ablehnt, sondern das sich das Leid der Opfer über die nachfolgenden Generationen fortsetzt. Während Lenas Großmutter über dem Freispruch des Täters Rossberg verbittert stirbt hat sich deren Sohn in der Folge der KZ-Erlebnisse seiner Mutter bereits vor Jahren das Leben genommen. Für den Zuschauer stellt sich die Frage, ob die Enkelin nach ihren Schießübungen im Wald Rache nehmen will, die Wahrheit erfahren möchte oder ein Schuldgeständnis des Täters erzwingen will. Diese Konstellation erinnert sehr an Jurek Beckers „Bronsteins Kinder“, der als Kind die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte und im Buch selbst Hand an die Täter anlegt. Der Regisseurin gelingt es überzeugend, die Spannung zwischen den Akteuren zu erhalten und die Motive der Beteiligten schrittweise herauszuarbeiten. Lange bleibt im Dunkeln, ob Anselm Rossberg tatsächlich Täter ist, ob Anselms Tochter ihren Vater im Wissen um dessen Verbrechen schützt oder selbst von dessen Unschuld überzeugt ist, ob Lena gegen die ungerechte Nazi-Rehabilitation revoltiert oder noch mehr dahinter steckt. Davon kann sich der Zuschauer im Film persönlich ein Bild machen. Besonders beindruckend ist, wie das Vater-Tochter-Verhältnis im Film durch Michael Degen und dessen Tochter Elisabeth Degen dargestellt werden. Die grausame persönliche Verstrickung dreier Generationen in Schuld und Last, die bis heute fortwirkt, macht den Film besonders wertvoll. Die Lebenssituation und Abhängigkeitsverhältnisse dreier Genrationen von Tätern und Opfern werden idealtypisch von einer jungen Nachwuchsregisseurin zu einer spannenden Geschichte verwoben. Das ist ein interessanter Ansatz, um mit einer persönlichen Erzählung junge Leute zu den Verbrechen des deutschen Faschismus anzusprechen, die von diesem Geschehen mittlerweile Generationen entfernt sind. Der Film ist ein gelungenes künstlerisches Werk, um die moralischen Dimensionen von Schuld und Verantwortung über die faschistischen Verbrechen und den notwendigen Umgang damit auf moderne Weise zu vermitteln. Er hat für das Schweriner Filmfest aber noch eine besondere Bedeutung, denn parallel zur Filmpräsentation stockt in Neubrandenburg seit Monaten ein Prozess gegen einen Auschwitz-Täter, der wie im Film angeblich nur Schreibtischtäter war. Es bleibt zu hoffen, dass die Wende in der juristischen Bewertung der persönlichen Schuld von Nazi-Tätern, wie sie nach dem Demjanjuk-Prozess eingesetzt hat, auch in Neubrandenburg ankommt.

Ausstellung in Stralsund eröffnet

geschrieben von Axel Holz

9. Mai 2017

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Am 7. Mai wurde im Stralsunder STIC-er Theater die Ausstellung „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen“, der weltweiten Bewegung „Freies Deutschland 1943-1945“ mit 20 Gästen eröffnet . Dort wird der Einsatz gefangener deutscher Soldaten, Offiziere und Generäle gegen Hitler und für die Beendigung des Krieges als Teil des Widerstandes gegen den Faschismus gezeigt. Hinzu kommen Bewegungen für ein freies Deutschland in zahlreichen anderen Ländern, wie Frankreich, Großbritannien, Mexiko, den Niederlanden und Jugoslawien. Sie wird noch bis zum 31. Mai in Stralsund zu sehen sein.

Die Ausstellung wurden gemeinsam vom Vorsitzenden der VVN-BdA Dr. Axel Holz, dem Koordinator der Ausstellung Gerhard Fischer und der Stralsunder VVN-Sprecherin Marianne Linke eröffnet.Die gemeinsame Ausstellung der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der VVN-BdA wird in diesem Jahr als Wanderausstellung in dreizehn verschiedenen Orten Mecklenburg-Vorpommerns gezeigt.

Nach sieben Etappen haben bereits über 6.000 Menschen die Aussstellung in verschiedenen Städten in Mecklenburg-Vorpommern gesehen, darunter in Rostock, Wismar, Güstrow, Woldegk und Neustrelitz.

 

Rede zur Eröffnung des 52. Sachsenhausen-Gedenklaufes 2017 in Schwerin

geschrieben von Axel Holz

9. Mai 2017

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Herzlich willkommen zum 52. Sachsenhausengedenklauf. Wir bereits in den vergangenen Jahren wollen wir auch in diesem Jahr der Häftlinge aus den ehemaligen Konzentrationslagern Sachenhausen und Ravensbrück gedenken, die den Todesmarsch überlebten, die dabei ermordet wurden oder vor Hunger und Erschöpfung gestorben sind. Etwa 6.000 der 20.000 Häftlinge des Todesmarsches, sind dabei umgekommen. Unter Ihnen sind Menschen aller Altersgruppen aus zahlreichen Ländern Europas, Menschen die in das rassistische Raster der Nazis passten, wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihrer politischen Überzeugung oder religiösen Zuordnung verfolgt wurden.

Viele Häftlinge haben diesen mörderischen Marsch nur deshalb überlebt, weil sie durch Soldaten der Roten Armee an der Stöhr in Rabensteinfeld und durch die heranrückenden amerikanischen Alliierten in Schwerin befreit wurden. Für sie hatte die Befreiung die erste unmittelbare Wirkung auf dem Weg zu einer Welt des Friedens und der Freiheit, wie es im Schwur der Buchenwaldhäftlinge heißt. Heute wissen wir, dass diese KZ-Häftlinge zur Ostsee gebracht werden sollten, um auf dem Meer versenkt zu werden. Sie sind durch ihre Befreiung nur knapp dem Tod entkommen.

1985 hatte auch in Westdeutschland ein Bundespräsident erstmals von einem Tag der Befreiung gesprochen. Davon ist heute nicht mehr viel übriggeblieben. Erst kürzlich hat Kanzlerin Merkel in Sotschi in der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten gleich mehrmals vom Kriegsende besprochen. Kein Wort von Befreiung, was in diesem Rahmen sicher eine würdige Geste gewesen wäre. Aber die Befreiungsleistung ist eine Tatsache, ohne die es heute kein demokratisches Deutschland geben würde. Oder war das Kriegsende keine Befreiung von einer Diktatur, keine Befreiung vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte?

In Einem hat die Befreiung tatsächlich nicht ganz geklappt. Die Befreiung von der NS-Ideologie hat Jahrzehnte gedauert, und einiges scheint davon bis heute übrig geblieben zu sein. Das Bundesverfassungsgericht hat der NPD gerade eine spürbare Nähe zum Nationalsozialismus attestiert. Die Parolen einiger Rechtspopulisten klingen nicht zufällig manchmal ähnlich. Wenn wir heute mit dem Sachsenhausengedenklauf der Opfer des Todesmarsches gedenken, dann hat dieses Gedenken nur einen Sinn, wenn wir daraus für unser heutiges Leben Schlussfolgerungen ziehen. Denn leider haben im vergangenen Jahr die rechtsextremen Straftaten auf Asylbewerber, Migranten, Ausländer, Flüchtlingshelfer und politische Aktivisten mit über 10.000 Fällen wieder zugenommen. Darunter sind allein 1.000 Übergriffe auf Asylbewerberheime. Die wurden nicht nur von Neonazis begangen, sondern zunehmend von sogenannten besorgten Bürgern, in deren Sorge ich aber eher Intoleranz und Rassismus erkennen kann. Ich finde es deshalb wichtig, dass Schwerin dem aktiv etwas entgegensetzt.

Das Bekenntnis der Stadt am Rathaus als Ort der Toleranz halte ich für wichtig, aber auch das Bekenntnis der Teilnehmer zum 1. Mai dieses Jahres vor dem Rathaus zu Weltoffenheit und Demokratie. Auch die nunmehr über 48 Stolpersteine, gestiftet von zahlreichen einzelnen Bürgern der Stadt, sind ein wichtiges Bekenntnis zur Erinnerung und Mahnung an die Opfer des Faschismus und gegen Ausgrenzung und Rassismus. Gut,  dass das Schweriner Filmfest vor zwei Tagen den Film „Winterjagd“ über einen SS-Mann in Auschwitz gezeigt hat, denn in Neubrandenburg zieht sich ein Auschwitz-Prozess gegen einen SS-Mann gerade in die Länge, weil der Staatsanwalt das Verfahren verzögere, wie in der Presse zu lesen war. Gut dass es diesen Gedenkort in Schwerin gibt und gut dass es diesen Gedenklauf gibt.

Gerade weil die Angriffe auf die Demokratie zunehmen und rechtspopulistische Auffassungen von Nationalismus, Rassismus und Intoleranz in ganz Europa Konjunktur haben, ist jede Bürgerin und jeder Bürger gefragt, dem persönlich in seinem Umfeld etwas Sichtbares und Spürbares entgegenzusetzten. Jeder kann bei sich selbst anfangen, die Werte unserer Demokratie zu leben und zu verteidigen, und das nicht nur mit seiner Stimme zur bevorstehenden Bundestagswahl.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und dem Sachenhausenlauf 2018 viel Erfolg.

Tätigkeitsbericht des Vorstandes der VVN-BdA M-V e.V. 2016/17

11. April 2017

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Tätigkeitsbericht des Landesvorstandes für die Jahre 2016 und 2017 auf der vergangenen Landesmitgliederversammlung am 08. April in Stavenhagen von Nico Burmeister.

Der aktuelle Vorstand wurde gewählt auf der vergangenen Landesmitgliederversammlung unserer Landesvereinigung in Rostock im Peter-Weiss-Haus.

Der Vorstand tagt regelmäßig aller viertel Jahre. Bislang traf sich der Vorstand drei Mal: am 29. April und am 11. November jeweils in der Rostocker Geschäftsstelle der Partei DIE LINKE. Am 27. Januar traf sich der Vorstand im Schweriner Brechtsaal.

Auf der ersten Sitzung wurden unter anderem die einzelnen Zuständigkeiten innerhalb des Vorstandes verteilt. Peter Ritter und Nico Burmeister wurden zu den beiden Landessprechern gewählt. Elke Schoenfelder betreut als Schatzmeisterin wie in den vergangenen Jahren die Finanzen. Axel Holz und Nico Burmeister halten den engen Kontakt zur Bundesvereinigung. Jedes Vorstandsmitglied ist Ansprechpartner*in für Kreisvereinigungen bzw. Basisorganisationen.

Axel Holz betreute die von der Bundesvereinigung erstellte Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“. Sie wurde 2016 in M-V elf mal in verschiedenen Städten, wie Rostock, Schwerin und Stralsund, gezeigt.

Mit der Erstellung eines eigenen Facebook Auftrittes und eines Twitter Acounts ist unsere Landesvereinigung auch im Web 2.0 vertreten und wirbt für die Ziele unserer Vereinigung besonders unter jüngeren Menschen. Nico Burmeister erstellte dazu ein Konzept für den Umgang mit Social Media. Unsere Facebook Seite hat aktuell über 1.500 Likes und ist damit, nach dem Facebook Auftritt des Bundesbüros der VVN-BdA, die zweitgrößte Seite unserer Vereinigung.

Auch die Ausstellung „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen!“ die Bewegung Freies Deutschland 1943-1945 ist in den vergangenen Monaten mindestens 10 Mal gezeigt worden. Auch diese Ausstelung wurde unter anderem mitbetreut durch Axel Holz.

Das Abschneiden der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) mit 20,8% beschäftigte ebenfalls den Vorstand. Unser Bundesgeschäftsführer Thomas Willms hat auf dem vergangenen Bundeskongreß, an dem als Deligierte Simone Dehm und Nico Burmeister und Axel Holz als Gast teilnahmen, die brandneue Ausstellung „Der Arm der Bewegung – Die ‚Alternative für Deutschland’“ vorgestellt. Axel Holz und Nico Burmeister betreuen die Verbreitung der Ausstellung in Mecklenburg-Vorpommern.

Wie in den vergangenen Jahren organisierten Basisorganisationen und Kreisvereinigungen Veranstaltungen und Gedenken zu den Jahrestages, wie Weltfriedenstag, dem Zweiten Sonntag im September und dem Auschwitz-Gedenktag. Auch wurde der 80. Jahrestag des Beginns des Spanischen Bürgerkriegs mit verschiedenen Veranstaltungen begangen.

Als besonders wichtig hat sich einmal mehr die Zusammenarbeit mit Bündnispartner*innen, wie dem rat+tat e.V., dem Rostocker Friedensbündnis, der Gewerkschaft der Ver.di herausgestellt. Solche Zusammenarbeiten gilt es künftig zu intensivieren.

In den vergangenen Monaten ist es gelungen neue Mitglieder für unseren Verband zu gewinnen. Dass vor allem junge Menschen den Weg zu uns finden, darf uns vorsichtig optimistisch für die zukünftige Arbeit unserer Landesvereinigung stimmen.

Nico Burmeister hat ein Verfahren zur Begrüßung von Neumitgliedern in unserem Landesverband erarbeitet, damit neue Kameradinnen und Kameraden schneler und effizienter in unsere Strukturen eingebunden werden können. Dennoch müssen wir unsere Anstrengungen weiter verstärken, neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen.

Ein AfD Sympathisant strebte eine Klage gegen einen Post auf unserer Facebook Seite an. Am 4. September 2016, den Wahltag zur vergangenen Landtagswahl, wurde dort eine satirische Grafik veröffentlicht mit dem Text: „Liebe AfD-Wähler, helfen sie unbedingt: Wahlbetrug verhindern! Wahlzettel unterschreiben!“ Die Ermittlungen wurden nach kurzer Zeit eingestellt, verursachten jedoch unnötige Kosten.

Das langjährige Engagmente in der Projektwerkstatt Buntes Q in Schwerin musste der Vorstand schweren Herzens beenden. Das Projekt verlor immer mehr an politischem Schwung und schlief immer mehr ein. Zudem wurden die finanziellen Belastungen für den Landesverband zu stark. Unsere Landesvereinigung ist postalisch nun über ein Postfach zu erreichen.

 

 

 

 

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