Fluchtpunkt Marseille

geschrieben von Axel Holz

27. Februar 2026

Im Juni 1940 hat Hitlers Wehrmacht Frankreich besiegt. Hunderttausende von den Nazis Verfolgte hatten in den dreißiger Jahren Deutschland verlassen. Viele landeten als Emigranten in Frankreich und waren nun erneut bedroht. Darunter zahlreiche Prominente – Politiker, Literaten, Lektoren, Komponisten, Maler – die Crème de la Crème der deutschen Intelektuellen. Sie alle waren jetzt erneut in Gefahr und flüchteten vor der Front nach Südfrankreich, um über Marseille nach Tunesien, Spanien, Portugal und weiter nach Amerika zu emigrieren. Mit Kriegsbeginn wurden alle Deutschen als feindliche Ausländer in fünf große Lagern interniert, darunter in Gurs und Drancy. Unterbringung, Verpflegung und gesundheitliche Versorgung waren katastrophal, so dass Tausende bereits dort starben. Im Waffenstillstandsabkommen der Nazis mit Pétains Marionettenregime war auch die Auslieferung der Nazigegner vereinbart worden, so dass tausende Emigranten nun um ihr Leben fürchten mussten, besonders Juden, politisch Verfolgte und liberale Künstler. Darunter befanden sich Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und Alma Mahler Werfel, Golo und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Anna Seghers, Hannah Ahrendt und Walter Benjamin, Wilhelm Mehring und Max Ernst, aber auch Politiker wie Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding. Einige brachten sich aus Verzweiflung selbst um, wie der Prosapoet Franz Hessel oder der Autor Walter Benjamin, der kurz zuvor seinen letzten Essay Anna Seghers übergeben hatte und sich auf der Flucht verzweifelt in Portbou vergiftete. Seghers floh mit ihren Kindern zu Fuß aus Paris, Louis Fürnberg steckte im Internierungslager Gurs fest. Andere liefen sich in Marseille über den Weg, auf der Suche nach Visa, Aus- und Einreisepapieren, Schiffspassagen und Geldmitteln. Spanien und Portugal waren als Durchgangsrouten notwendig aber als Emigrationsziel nicht sicher, die USA versuchten sich aus dem Krieg herauszuhalten und vermieden weitgehend die Ausgabe von Visa. Tausende Emigranten saßen in der Falle und mussten um ihr Leben bangen.

Überzeugter Fluchthelfer

Der amerikanische Journalist Varian Frey hatte Nazi-Deutschland schon in den dreißiger Jahren kennengelernt. Er hatte in der New York Times aus der Reichshauptstadt über die ungestraften SA-Überfälle auf Berlins Straßen, in Kaffees und Wohnungen berichtet. Unverblümt hatte ihm Hitlers Auslandpressechef Ernst Hanfstaengl bereits die perfide Verfolgungs-Strategie des SS erläutert. Zusammen mit Juden, anderen Amerikanern und mit Unterstützung der Präsidentengattin Eleonore Roosevelt gründete er die Hilfsorganisation Emergency Rescue Commitee. Das Commitee sammelte Spenden und schickte Varian Frey mit einer Liste von 200 verfolgten Prominenten nach Marseille, um deren Ausreise zu ermöglichen. Frey führte im Hotel Splendide in Marseille ausführliche Interviews mit Emigranten und rettete  zusammen mit zahlreichen Helfern am Ende mehr als zweitausend Menschen das Leben. Ein früherer Karikaturist fälschte Dokumente, ein Mitarbeiter des amerikanischen Konsulats stellte heimlich Visa in großen Stil aus und Lisa und Hans Fittko brachten wöchentlich zahlreiche Emigranten über die Pyrenäen nach Spanien. Die Fluchthelfer versorgten viele Emigranten mit Geld, kauften ein ganzes Schiff, dessen Reise scheiterte und versteckten Migranten auf einem Schiff unter flüchtigen britischen Soldaten. All das ständig unter Lebensgefahr. Varian Frey wurde mehrfach nach Amerika erfolglos zurückgerufen, in Marseille verhaftet, auf einem Gefängnisschiff interniert und schließlich nach insgesamt dreizehn Monaten Aufenthalt ausgewiesen. Von seiner Geschichte wollte nach dem Krieg kaum jemand etwas hören. Frey konnte in Amerika als Journalist nicht mehr Fuß fassen,  arbeitete als Werbetexter für Coca Cola und starb mit nur 59 Jahren. Erst 1994 verlieh ihm die Gedenkstätte Yard Hashem den Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Akt der Solidarität

Uwe Wittstock gelingt es mit seinem Roman, die spannende und dramatische Flucht zahlreicher prominenter Künstler und Politiker aus dem besetzten Frankreich auf der Basis von Tagebüchern und Berichten der Betroffenen zu rekonstruieren. Warum dies niemand vorher in dieser Breite versucht hat, bleibt ein Rätsel. Wittstock schildert dramatische Rettungsaktionen, Tragödien wie die Walter Benjamins, Künstlerische Leistungen wie die der surrealistischen Künstler André Breton und Max Ernst in der Villa Air Belle und die Flucht der Manns. Er berichtet über den Verlust von zwölf Koffern Alma Mahler-Werfels mit Bildern ihres verstorbene Mannes Gustav Mahler, die im Chaos plötzlich wieder auftauchen. Was Flucht und Verfolgung bedeutet, lässt sich im Buch an Hand individueller Schicksale nachvollziehen. Mit der etablierten Methode der Kulturgeschichtsschreibung erzählt Wittstock Geschichten kurzweilig, spannend und berührend. Die verarbeiteten Schicksale sind dabei zeitlos, solange Menschen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. „Marseille 1940“ ist ein Buch über Angst und Hoffnung, über Mitmenschlichkeit und Selbsterhaltungsstrategien, ein Buch über das nackte Überleben. Es ist aber auch ein Dokument der Solidarität zwischen den Menschen und Völkern – ob als Geldspender, Organisatoren und Fluchthelfer, couragierte Polizisten, Offiziere und Grenzsoldaten oder als Helfer unter der französischen Bevölkerung und den Emigranten. Es erinnert uns zugleich an den Kultur-Verlust und die Lücke, den die große Flucht der Literatur in Deutschland nachhaltig hinterlassen hat.